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Wie werden Überstunden abgerechnet?

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Kategorie: Karriere & Ratgeber
14.07.2015

Permanente Mehrarbeit

Überstunden oder Mehrarbeit entstehen, wenn Arbeitnehmer vorübergehend die vertragliche geregelte Arbeitszeit übersteigen. Überarbeit ist in der Regel die Zeit, die über die gesetzlich zulässige Arbeitszeit von acht Stunden werktags hinausgeht. Bei Teilzeitkräften gilt die individuell vertraglich vereinbarte Arbeitszeit als Grundlage. Wer sechs Stunden werktäglich arbeitet, bezeichnet alles, was darüber hinaus an Zeit anfällt, als Überstunden. Tatsächlich gehören in der modernen Gesellschaft Überstunden in allen Branchen beinahe zum Betriebsalltag.Wie werden Überstunden abgerechnet?

Abgeltung von Überstunden

Regelmäßig erbringen Mitarbeiter Mehrarbeit. Ob und was sie dafür bekommen, ist nicht einheitlich geregelt. Beispiele von Arbeitnehmern aus der Praxis verdeutlichen, wie unterschiedlich die Abgeltung von Überstundenabgeltung gehandhabt wird:

Überstunden werden ausbezahlt

- Grundgehalt plus Mehrarbeitszuschlag

Thomas N. (46) arbeitet seit einigen Jahren als Maschinenbauingenieur bei einem Zulieferer für die Automobilindustrie. Er ist im Schichtdienst tätig und muss nach Plan Früh-, Spät- und Nachtschichten ableisten. Der Schichtwechsel erfolgt wöchentlich mit entsprechenden Frei- und Ruhezeiten. Gemäß Arbeits- und Tarifvertrag gilt für Thomas N. eine Wochenarbeitszeit von 37,5 Stunden. Bei Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten kommt es häufig vor, dass Thomas N. länger als vereinbart arbeiten muss. Da er in einem großen Unternehmen mit mehr als 1.500 Mitarbeitern beschäftigt ist, beinhaltet sein Arbeitsvertrag die Klausel, dass alle Überstunden mit dem Grundgehalt + 25 % Zuschlag ausbezahlt werden. Der Betrieb von Thomas N. ist wirtschaftlich gut aufgestellt. Die Verwaltung arbeitet strukturiert. Pünktlich erhält Thomas N. seine monatlichen Lohnzahlungen. Eine automatisierte Zeiterfassung dokumentiert angefallene Überstunden fehlerfrei. Das Lohnbüro übernimmt die Zeiten und der Computer berechnet automatisch den aktuell korrekten Monatslohn. Thomas N. macht es wenig aus, wenn er mal länger arbeiten muss. Seine Zuschläge sind stets korrekt berechnet und landen fristgerecht auf seinem Gehaltskonto.

- Vergütung der Überstunden per Grundgehalt

Barbara K. (35) betätigt sich als Notariatsfachkraft in einem Rechtsanwaltsbüro. Sie ist eine von vielen Sekretariats- und Schreibkräften, die in diesem Büro angestellt sind. „Ich arbeite 50 % der üblichen Arbeitszeit in unserer Kanzlei, das sind 19 Stunden pro Woche“, so Barbara K. „Leider kommt es durch Krankheits- und Urlaubsfälle immer wieder dazu, dass ich volle 38 Wochenstunden arbeiten muss.“ Trotzdem ist sie nicht völlig unzufrieden mit ihrer Situation. „Da eine Vertretungsregelung von vornherein klar war, ist in meinem Arbeitsvertrag geregelt, dass anfallende Mehrstunden mit meinem Grundstundengehalt bezahlt werden. Das klappt glücklicherweise auch immer.“ Barbara K. profitiert davon, dass ihre Vorgesetzten sich in der Rechtslage auskennen und sich an aktuelle Richtlinien und Vorgaben halten.

Eine solche Regelung gibt es für Sven H. (29) nicht. Er wirkt als Elektriker in einem kleinen Handwerksbetrieb. Die Auftragslage war zwischenzeitlich unbeständig. Sven H. erhielt nur unregelmäßige und unvollständige Lohnzahlungen. Das hat er zum Anlass genommen, sich einen neuen Arbeitgeber zu suchen. Bis er fündig wurde, fielen gut 150 Mehrarbeitsstunden an. Nun steht der Wechsel zur neuen Firma bevor und Sven H. macht sich Sorgen. Einem Tarifvertrag unterliegt er nicht. Sein Arbeitsvertrag beinhaltet lediglich die Formulierung, dass er sich auf Aufforderung dazu verpflichtet, Überstunden zu leisten. „Nun bleibt mir gar nicht mehr genug Zeit, die angehäuften Stunden abzubummeln“, bedauert Sven H. Er hat einen Anwalt um Rat gefragt. Die fachliche Antwort besagt, dass der Arbeitgeber die über die vereinbarte Arbeitszeit hinaus angefallenen Stunden, die nicht durch Freizeit abgegolten werden konnten, zum vertraglich festgelegten Stundensatz bezahlen müsste. „Mein Arbeitgeber hat früher schon zweimal Insolvenz anmelden müssen. Ich sehe keine gute Chance, dass ich mein Geld noch bekomme. Wenigstens habe ich etwas für die Zukunft gelernt. Ich werde meinen neuen Arbeitsvertrag genau prüfen.“

Freizeitausgleich als Entgelt

In einem Krankenhaus geht es oft turbulent zu. Pünktlicher Feierabend ist selten möglich. Davon kann Raja L. (33) berichten. Sie hat eine Weile als OP-Schwester gearbeitet und ist nun für die Dialysestation eingeteilt. Patienten können trotz Feierabend nicht einfach „halb versorgt“ liegen gelassen werden. Ihre Wochenarbeitszeit beziffert Raja L. mit 30 Stunden; eine sogenannte „dreiviertel Stelle“. Raja L. möchte gerne Zeit für ihre Familie und den Haushalt haben. Manchmal nimmt der Job ihr diese kostbare Zeit. Dann muss sie solange im Krankenhaus bleiben, bis alle Patienten versorgt sind und die Dokumentation erledigt ist. Den Verdienst beschreibt Raja L. eher als mittelmäßig. Sie wünscht sich für notwendige Überstunden eine Bezahlung. Arbeitsrechtlich geregelt ist für sie und ihre Stationskolleginnen jedoch, dass Mehrarbeitsstunden ausschließlich durch Freizeitausgleich abzubauen sind. Die Aufschreibung der Stunden ist mühselig. Bei vielen angefallenen Überstunden ist es gelegentlich unmöglich für Raja L. den Freizeitanspruch geltend zu machen. Durch Krankheitsfälle und Urlaube sind freie Zeiten bisweilen nicht realisierbar. Raja L. beschreibt das für sie geltende System als „unfair“. Überstunden, die nach mehr als neun Monaten nicht abgefeiert sind, streicht die Krankenhausleitung vom Stundenkonto. Der Betriebsrat ist laut Raja L. machtlos.

Praxis Arbeitszeitkonto

Herbert M. (58) ist Prokurist im Vertrieb eines internationalen Handelskonzerns. Gemäß Arbeitsvertrag umfasst sein Bürojob 39,5 Stunden pro Woche. Meetings und Telefonkonferenzen mit Gesprächspartnern und Kunden aus aller Welt schließen eine geregelte Bürozeit aus. Zeitverschiebungen und lange Verhandlungen tragen das ihre dazu bei. Herbert M. freut sich, dass er einen gut organisierten Arbeitgeber hat. „Bei uns erfasst die Personalabteilung An- und Abwesenheiten genau. Wenn sich Vertragsverhandlungen in die Länge ziehen und mein Arbeitstag zwölf Stunden dauert, hat das keinen Nachteil für mich“. Im Konzern von Herbert M. werden Arbeitszeitkonten geführt. „Alle leitenden Angestellten im Betrieb haben die Möglichkeit, drei Monate lang ihre Mehrarbeitsstunden als Freizeit auszugleichen. Wem das in dieser Zeit nicht vollständig gelingt, der bekommt die restlich verbleibenden Überstunden ausgezahlt. Und zwar jeder gemäß seines vertraglich vereinbarten Stundenlohnes. So habe ich manchmal Zeit für meinen Enkelsohn und manchmal etwas mehr Geld auf dem Konto“. Das Arbeitszeitkonto wird per EDV auf die monatliche Gehaltsabrechnung übertragen. Herbert M. kann immer einsehen und nachrechnen, wie der aktuelle Status seiner Überstunden ist. „Überstunden sind auf diese Weise überhaupt nicht unangenehm“ schließt Herbert M.

Fazit: Vertrag prüfen und im Zweifel eine Anwalt für Arbeitsrecht befragen

Da es zum Thema Überstunden keine einheitlichen Regelungen gibt, ist im ersten Schritt immer der Vertrag zu prüfen. Das geschieht am besten schon, bevor dieser rechtsgültig unterschrieben wird. Kommt es zu Unregelmäßigkeiten oder einen Stau von Überstunden und die Rechtslage scheint unklar, dann sollten Arbeitnehmer sich nicht scheuen, eine fundierte Rechtsberatung in Anspruch zu nehmen. Da hilft dabei, die eigene Position zu klären und über die nächsten Schritte nachzudenken.

Weiterführende Infos zum Thema:

Überstunden in Deutschland – der Arbeitszeitmonitor 2017

So viel Zeit verbringen die Deutschen auf der Arbeit – der Arbeitszeitmonitor 2016

Wenn der Kollege mal wieder krank ist

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