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Wie meistere ich die Gehaltsverhandlung trotz Corona-Krise?

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Kategorie: Karriere & Ratgeber
02.09.2020
Frau Ljubow Chaikevitch lächelt

Die Corona-Krise stellt die deutsche Wirtschaft vor große Herausforderungen – die Bundesregierung rechnet aktuell mit einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts um circa 5,8 Prozent. Das beeinflusst natürlich auch die Berufswelt vieler Arbeitnehmer*innen und wirft wichtige Fragen auf: Können Beschäftigte trotz Wirtschaftskrise eine Gehaltserhöhung einfordern? Und wie können sich Angestellte in einer solchen Krise bestmöglich auf eine Verhandlung mit dem Vorgesetzten vorbereiten?

GEHALT.de hat mit Ljubow Chaikevitch zu diesen Fragen gesprochen. Sie bietet seit 2018 mit FRAU VERHANDELT eine Community sowie Online-Kurse und Trainings für Frauen an, die angemessen im Job bezahlt und behandelt werden wollen.

Die 33-jährige Verhandlungsexpertin hat ein Konzept in fünf einfachen Schritten, mit dem schon über 500 Frauen höhere Gehälter oder Tagessätze durchsetzen konnten. Ljubow Chaikevitch kooperiert mit Bestseller-Autorin und Finanz-Expertin Natascha Wegelin, auch bekannt als „Madame Moneypenny“. Die FRAU VERHANDELT-Community besteht bereits aus über 15.000 Frauen.

Liebe Frau Chaikevitch, wir sind mitten in einer Wirtschaftskrise. Ist es nicht etwas dreist, wenn ich jetzt nach mehr Gehalt frage?

Zuallererst empfehle ich die Situation des eigenen Arbeitgebers zu prüfen. Es gibt Firmen, die von der Krise sehr stark betroffen sind, aber auch solche, die profitieren. Ist der eigene Arbeitgeber nicht von Corona betroffen und die Bezahlung ist für die Leistung nicht mehr angemessen, weil man z.B. weitere Aufgaben und Verantwortung übernommen, neue Kunden generiert oder besonders erfolgreich Projekte abgeschlossen hat, sollte man unbedingt verhandeln. Ich habe viele Kundinnen betreut, die auch in Zeiten von Corona erfolgreich verhandelt und bis zu 55 % mehr Gehalt bekommen haben.

Kann ich – auch wenn ich in Kurzarbeit bin – nach einer Gehaltserhöhung fragen?

Davon rate ich ab. Die Tatsache, dass man sich in Kurzarbeit befindet, ist ein Hinweis darauf, dass es um die Abteilung bzw. Firma finanziell schwierig steht. In dieser Situation würde ich mir Gedanken um einen Plan B machen. Dazu gehört: Welche Schritte gehe ich, wenn ich ein Abfindungsangebot erhalte? Denn: Auch Abfindungspakete sind verhandelbar.

Die neue gewonnene Zeit während der Kurzarbeit könnte man nutzen, um sich weiterzubilden und den eigenen Marktwert zu steigern. Mithilfe von Online-Plattformen wie Coursera oder edX kann man digital sogar Kurse von renommierten Universitäten wie z.B. Harvard, Stanford und vom MIT absolvieren.

Zudem empfehle ich, sich im eigenen Netzwerk umzuhören, ob und wo gerade gesucht wird. Wie wäre es mit einem digitalen Kaffee mit ehemaligen Vorgesetzten, Kollegen oder Business-Partnern?

Wie sieht die optimale Vorbereitung für Beschäftigte aus, die ihr Gehalt verhandeln möchten?

Für die optimale Vorbereitung habe ich ein Verhandlungskonzept in fünf einfachen Schritten entwickelt:

Schritt 1: Zuallererst gilt es, den eigenen Marktwert durch Recherche aber auch Gespräche mit Mentoren zu erarbeiten.

Schritt 2: Im zweiten Schritt sollte man sich mit der eigenen Einstellung beschäftigen. Manchmal erscheint einem der erarbeitete Marktwert zu hoch. Wenn das zutrifft, sollte man am eigenen Mindset arbeiten - denn wer selbst nicht glaubt, es wert zu sein, wird sich auch nicht entsprechend verkaufen können.

Schritt 3: Danach arbeitet man die eigenen Stärken und Fähigkeiten sowie Erfolgsgeschichten aus. Durch den so genannten „Negativity Bias“ erinnern wir uns eher an die Dinge, die nicht gut funktioniert haben und vergessen unsere Erfolge. Dabei kann beispielsweise ein Erfolgstagebuch helfen, in dem wir positives Feedback und Erfolge in dem Moment aufschreiben, in dem sie passieren.

Schritt 4: Es folgt eine detaillierte Vorbereitung. Dabei geht es unter anderem um die Definition der eigenen Ziele, die Ausarbeitung eines Plan B, die Vorbereitung auf das Gegenüber und den Umgang mit Totschlag-Argumenten.

Schritt 5: Im fünften und letzten Schritt entwickelt man einen Gesprächsleitfaden und kommt ins Handeln.

Wer das Konzept detaillierter kennenlernen möchte, ist herzlich eingeladen, an meinem kostenfreien Online-Training teilzunehmen.

Sie haben sich mit Ihrem Blog „FRAU VERHANDELT.“ auf Gehaltsverhandlungen für Frauen spezialisiert. Muss ich mich als Arbeitnehmerin anders verhalten?

Eine Studie der Carnegie Mellon University hat gezeigt, dass 57 Prozent der männlichen, aber nur sieben Prozent der weiblichen Berufseinsteiger/innen ihr Gehalt verhandeln. Das beobachte ich leider auch bei meiner Arbeit: Ich erlebe viele Frauen, die bis zu zehn Jahre lang keine Gehaltserhöhung bekommen haben, weil sie nicht nachfragten. Und genau das ist mein Anliegen: Frauen zu ermutigen, aktiv zu werden und für sich einzustehen, statt zu erwarten, dass ihre gute Arbeit gesehen und ihr Gehalt angepasst wird.

Zudem werden Frauen in Deutschland leider im Durchschnitt bei vergleichbarer Tätigkeit und Qualifikation 6 % schlechter bezahlt als Männer (bereinigter Gender Pay Gap) - ein weiterer Grund, um sich gerade als Frau aktiv und bewusst mit dem Thema auseinander zu setzen. (Anm. d. Red.: Auch GEHALT.de hat in der Equal Pay Studie eine bereinigte Entgeltlücke von rund 7,5 % berechnet.)

In Gesprächen mit meinen Kundinnen stelle ich immer wieder fest, dass sie glauben, sich verstellen und die Ellenbogen rausholen zu müssen, um erfolgreich zu sein. Das sehe ich anders. Für mich ist eine Gehaltsverhandlung erst dann erfolgreich, wenn eine Win-Win-Situation erreicht ist und beide Parteien das Gefühl haben, zu profitieren.

Um Frauen bei diesem Thema zu unterstützen, habe ich eine kostenfreie Facebook-Gruppe ins Leben gerufen. In dieser Gruppe tauschen sich aktuell um die 5000 Frauen aus. Sie helfen einander auf dem Weg zur angemessenen Bezahlung, besseren Arbeitsbedingungen und einem selbstbestimmten Leben.

Welche Argumente kann ich hervorbringen? Gibt es ggf. Fähigkeiten, mit denen ich in Zeiten von Corona besonders gut beim Arbeitgeber punkten kann?

Grundsätzlich sollten die eigene Leistung und Erfolge, die man im Unternehmen erreicht hat, im Vordergrund stehen. Gerade in Zeiten von Corona haben viele meiner Kundinnen damit gepunktet, dass sie schnell und adäquat auf Veränderungen aus der Umwelt reagiert haben, Kosten eingespart und neue zeitgemäße Prozesse und Ideen ins Leben gerufen haben.

Auf welche Gegenargumente sollte ich mich gefasst machen und wie kann ich ihnen begegnen?

Ein Gegenargument, das man in Verhandlungen häufig hört, ist das Thema Budget – gerade in Zeiten von Corona. Dieser Aussage sollte man nicht direkt zustimmen.

Je nach Situation könnte man versuchen, gemeinsam nach einer Lösung zu suchen, um mehr Budget zu bekommen. Außerdem sollte man sich klar positionieren und verdeutlichen, dass die eigene Leistung eine Budgetanpassung rechtfertigt und warum das der Fall ist. Sollte man damit nicht weiterkommen, empfehle ich unbedingt am Ball zu bleiben und konkrete Termine und Fristen zu setzen, um das Thema erneut zu besprechen.

Natürlich kann man noch viele weitere Faktoren außer Budget verhandeln, wie z.B. Urlaubstage, Weiterbildungen oder Stundenreduktion bei gleichem Gehalt.

Falls ich ein „Nein“ zu hören bekomme – welche Optionen gibt es noch?

Zu einer Verhandlung gehören immer zwei Parteien. Wichtig ist aus meiner Erfahrung, das “Nein” nicht direkt zu akzeptieren.

Man darf nicht vergessen, dass man im Job die eigene Lebenszeit verkauft - das teuerste Gut, das wir Menschen haben. Deswegen sollte man aus meiner Sicht einem Beruf nachgehen, der einem liegt und Freude bereitet. Dabei darf man allerdings nicht außer Acht lassen, sich aber auch angemessen dafür bezahlen zu lassen.

Denn die angemessene Bezahlung sorgt dafür, dass man für das Alter vorsorgen, Vermögen aufbauen und selbstbestimmter leben kann.

Meine Empfehlung ist, offen nachzufragen warum der Forderung nicht zugestimmt wird und wenn möglich, darauf einzugehen. Außerdem sollte man klar Position beziehen und mitteilen, dass man mit dem “Nein” nicht einverstanden ist. Im nächsten Schritt gilt es konkrete Absprachen zu treffen, wann und unter welchen Bedingungen eine Gehaltsanpassung möglich wird.

Zu einer guten Vorbereitung gehört für mich auch, bereits im Vorfeld der Verhandlung die eigenen Grenzen festzulegen und einen Plan B auszuarbeiten. Damit meine ich beispielsweise zu entscheiden, welche Konsequenzen man für sich selbst zieht, wenn der Arbeitgeber den eigenen Forderungen nach Gehalt oder weiteren Faktoren nicht nachkommt. Dadurch kann man in der Verhandlung entsprechend reagieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

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