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Interview: Lohnt sich eine Karriere im Handwerk?

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Kategorie: Karriere & Ratgeber
02.03.2019
Hans Peter Wollseifer

Ein Interview mit Hans Peter Wollseifer

Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH)

GEHALT.de: Wir sprechen aktuell von einem Fachkräftemangel im Handwerk, wie wirkt sich dieser aus? Welche Bereiche bzw. Berufe sind davon besonders stark betroffen?

Laut Schätzungen der Bundesagentur für Arbeit sind derzeit etwa 150.000 Stellen im Handwerk unbesetzt. Der ZDH geht sogar von bis zu 250.000 aus, da viele offene Stellen der Bundesagentur für Arbeit nicht gemeldet werden. Insbesondere Berufe im Bereich Sanitär, Heizung, Klima, im Bereich Elektro, die Lebensmittelhandwerke wie Fleischer und Bäcker, die Gesundheitshandwerke wie Orthopädietechniker oder auch die Bauberufe etwa im Hochbau sind betroffen.

Die Auswirkungen dieses Fachkräftebedarfs im Handwerk bekommen tagtäglich viele Menschen zu spüren, wenn sie im Durchschnitt neun Wochen warten müssen, bis sich ein Handwerker ihres Vertrauens um ihren Auftrag kümmern kann. Das ist auch für die Betriebe eine schwierige Situation. Denn natürlich wollen sie ihre Kundschaft nicht enttäuschen. Im Übrigen: Auch ambitionierte politische Großprojekte wie Energie-, Wärme- und Mobilitätswende sind ohne das Handwerk nicht zu stemmen.

Auf der anderen Seite bedeutet das: Handwerksberufe können jungen Menschen heute hervorragende Karriereperspektiven bieten. Eine Handwerksausbildung ist im Grunde eine Jobversicherung.


GEHALT.de: Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für den Fachkräftemangel und wie kann man diesen Ursachen entgegenwirken?

Für diese Situation gibt es mehrere Ursachen. Da ist zum einen natürlich der demographische Wandel. Zum anderen spüren wir jetzt die fatalen Folgen der Überakademisierung. Jahrelang wurde in unserer Gesellschaft vor allem das Studium gefordert und gefördert. Darunter hat die gesellschaftliche Anerkennung für die berufliche Bildung und für eine berufliche Tätigkeit im Handwerk gelitten. Das sehen wir zum Beispiel daran, dass heute mehr als die Hälfte eines Altersjahrgangs studiert, während vor nicht einmal zehn Jahren nur ein Drittel ein Studium begann.

Wir sehen es auch daran, dass es finanzielle Hürden bei der Höheren Berufsbildung gibt – dazu zählt etwa die Fortbildung zum Meister –, die manche Interessierte abschrecken. (..) Jeder, der vorhat, einen Meister zu machen, sollte über das Aufstiegs-Bafög von den Lehrgangs- und Prüfungsgebühren befreit sein. Außerdem sollte es möglich werden, dass mehrere Fortbildungen hintereinander förderfähig sind.

GEHALT.de: Was können das Handwerk und die Politik verbessern, damit Handwerksberufe attraktiver werden?

Voraussetzung dafür, dass berufliche Bildung noch attraktiver wird, ist ein gesellschaftlicher Wandel. Wir müssen die Gleichwertigkeit einer beruflichen und akademischen Qualifikation noch besser deutlich machen. Unsere Strategie zur Nachwuchsgewinnung ist vielfältig: Besonders bekannt ist unsere Imagekampagne, mit der wir seit 2010 den gesellschaftlichen Stellenwert des Handwerks sichtbar machen. Auf dem Instagram-Account @wir_sind_das_handwerk zeigen wir, wie modernes Handwerk aussieht.

Wir veranschaulichen auch im Rahmen von Berufswettbewerben, wie attraktiv eine handwerkliche Ausbildung ist. So führen wir jährlich unseren Leistungswettbewerb „PLW – Profis leisten was“ in allen 130 Gewerken durch und begleiten dann rund 15 Bundessieger alle zwei Jahre zum europäischen Berufswettbewerb EuroSkills. Außerdem kooperieren die Handwerkskammern und Innungen in den Regionen mit Schulen im Rahmen der Berufsorientierung. Dafür stellen Verbände vielfältige Unterrichtsmaterialien zur Verfügung.

Die Bildungsberater der Handwerkskammern kooperieren mit Hochschulen und beraten Studienaussteiger. Und als Zentralverband unterstützen wir diese Strategie auf der politischen Ebene durch neue Ideen wie beispielsweise die Höhere Berufsbildung, das BerufsAbitur, die Forderung nach einer gleichwertigen Finanzierung der beruflichen und akademischen Bildung oder die Mitwirkung im Berufsbildungsgesetzgebungsverfahren.

GEHALT.de: Würden Sie zu einer Ausbildung zur/m Meister/-in raten? Aus finanzieller Hinsicht scheint sich dieser Schritt in vielen Bereichen ja zu lohnen.

Für Handwerker, die beruflich aufsteigen oder Führungsaufgaben übernehmen möchten, ist der Meistertitel auf jeden Fall zu empfehlen. In zulassungspflichtigen Handwerken, etwa dem KFZ-Techniker-, Dachdecker- oder Metallbauer-Handwerk, ist diese Qualifikation Voraussetzung, um einen eigenen Betrieb führen zu können. Die Aussichten, einen bestehenden Betrieb zu übernehmen, sind derzeit besonders gut: Das Institut für Mittelstandsforschung Bonn geht bis 2022 von insgesamt ca. 150.000 anstehenden Unternehmensnachfolgen aus. (..)

GEHALT.de: Was müssen Beschäftigte beachten, wenn sie eine Ausbildung zum/zur Meister/-in erwägen?

Das Wichtigste ist, dass die Zulassungsvoraussetzungen zur Meisterprüfung erfüllt werden. Das ist in der Regel eine erfolgreich bestandene einschlägige Berufsausbildung. Teilweise können auch Fortbildungsabschlüsse auf die Meisterprüfung angerechnet werden, so dass dieser Teil nicht noch einmal geprüft wird. Das gilt zum Beispiel für den Abschluss KFZ-Servicetechniker/in. Ein Mindestalter für die Meisterprüfung sieht der Gesetzgeber nicht vor.

Daneben gilt es zu entscheiden, in welcher Form die Vorbereitung auf die Meisterprüfung erfolgen soll. Der Gesetzgeber macht hier keine Vorschriften, die Vorbereitung ist deshalb bei verschiedenen Anbietern in unterschiedlichen Varianten möglich, zum Beispiel in Vollzeit oder berufsbegleitend. Bei der Auswahl des Vorbereitungskurses sind zwei Aspekte besonders wichtig: 1) Passt das Bildungsangebot zu dem Ziel, das damit erreicht werden soll? 2) Passt das Bildungsangebot zu den individuellen Rahmenbedingungen und Ressourcen?

Mit der Meisterqualifikation kann zum Beispiel das Ziel einer Unternehmensgründung oder -übernahme verfolgt werden. Dann sind insbesondere Fragen der Existenzgründung und Betriebsführung relevant. Für andere steht vielleicht eine besondere Technik ihres Gewerks im Mittelpunkt, die in der Meisterausbildung vertieft werden soll. Außerdem muss der Meisterkurs zu den Familien- und Arbeitsbedingungen passen. Bei der Suche nach einem passenden Vorbereitungskurs können die Bildungsberater der Handwerkskammern oder das Portal www.karriereportal-handwerk.de helfen.

Wichtig ist im Vorfeld auch, die Kosten der Meisterqualifizierung zu klären. Mit den Kosten für Kursteilnahme, Prüfungen, Material, Lebensunterhalt, Fahrten zur Bildungsstätte und ggf. Übernachtung können auch mal einige Tausend Euro erreicht werden. Der Staat fördert die Meisterqualifizierung mit dem Aufstiegs-Bafög. Und in einigen Bundesländern erhalten frischgebackene Meister für die bestandene Meisterprüfung einen Bonus obendrauf.

Qualifizierte Gesellen – beispielsweise die Sieger in unserem jährlichen Leistungswettbewerb – können sich bei Ihrer Handwerkskammer um das mit bis zu 7.200 € dotierte Weiterbildungsstipendium (www.weiterbildungsstipendium.de) bewerben.


GEHALT.de: Welche Handwerksberufe drohen zukünftig auszusterben?

Alles in allem haben die meisten Ausbildungs- und Fortbildungsberufe eine ziemlich lange Lebensspanne und sterben so schnell nicht aus. Das hängt vor allem damit zusammen, dass in der Berufsbildung und bei der Modernisierung von Berufen weniger am Etikett, sprich: der Berufsbezeichnung, sondern mehr am Inhalt gearbeitet wird. So heißt beispielsweise der Tischler immer noch Tischler - oder Schreiner -, macht aber heute vieles anders als noch vor Jahrzehnten. Andere Berufe fusionieren, etwa der Backofenbauer mit dem Ofen- und Luftheizungsbauer. Und aus dem Kfz-Mechaniker und dem Kfz-Elektriker wurde der Kfz-Mechatroniker. Die Berufe und ihre Ausbildung entwickeln sich mit der Veränderung in der Technik und am Markt.

Daneben gibt es auch „kleine“ handwerkliche Berufe, bei denen es weniger eine rein arbeitsmarktlich-ökonomische, sondern eher eine kulturell-gesellschaftliche Frage ist, ob wir diese tatsächlich aussterben lassen wollen. Hier geht es um Erfahrungen und Kulturtechniken, die sich nicht oder nur unzureichend in Büchern verschriftlichen und erhalten lassen und die daher nur von Generation zu Generation – vom Meister zum Gesellen – adäquat weitergeben werden können. Nehmen wir z.B. den Orgel- und Harmoniumbauer. Diese Ausbildung beginnen jährlich kaum 40 junge Menschen. Kühl ökonomisch gesehen also ein aussterbender Beruf. Gleichzeitig ist der deutsche Orgelbau aber weltweit führend und kürzlich zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt worden. Und dass dem so ist, liegt vermutlich auch daran, dass wir uns – als Handwerk, als Gesellschaft – eine geordnete duale Ausbildung und Meisterqualifizierung im Orgelbauerhandwerk leisten.

GEHALT.de: Kommen neue Handwerksberufe dazu?

Das Handwerk ist eine „atmende“ Branche. Handwerk gab es vor der ersten industriellen Revolution und es wird Handwerk auch noch nach der vierten industriellen Revolution geben. Der Wirtschaftsbereich Handwerk atmet dabei natürlich auch über die ihm zugehörigen Berufe. Bei manchen Berufen merkt man es nicht, z.B. weil das „Etikett“ bleibt, bei anderen Berufen wiederum vermutet man manchmal vielleicht gar nicht, dass sie zum Handwerk gehören – wie etwa die Mediengestalter Digital und Print oder die technischen Modellbauer. Und wieder andere Berufe kennen wir heute vielleicht noch gar nicht, doch fügen sie sich aufgrund ihrer Tradition und/oder Beschaffenheit ins Handwerk ein. So dürfte es z.B. spannend sein, was absehbar im Elektrohandwerk stattfindet – Stichwort Smart Home und Gebäudesystemintegration.

GEHALT.de: Ist das Handwerk immer noch eine reine Männerdomäne oder beobachten Sie in den letzten Jahren auch einen erhöhten Frauenanteil?

Das Handwerk befindet sich seit etwa zehn Jahren im (Geschlechter-)Wandel. Haben sich die Frauen bisher insbesondere auf die kaufmännischen Berufe und das Friseurhandwerk konzentriert, wählen sie zunehmend auch bislang eher männlich geprägte Ausbildungsberufe, wie z. B. Tischlerin, Malerin und Lackiererin, Bäckerin und Kraftfahrzeugmechatronikerin. In diesen Berufen hat sich der Anteil der Frauen zum Teil deutlich erhöht. Andere Berufe sind bereits von Männer- zu Frauendomänen geworden: Goldschmiede oder Konditoren zum Beispiel. Dagegen haben sich traditionell von Frauen bevorzugte Berufe wie der Hörgeräteakustiker zwischenzeitlich dahingehend verändert, dass sie für beide Geschlechter interessant sind.

Insgesamt beträgt der Anteil der Frauen an den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen im Handwerk knapp 22 Prozent. Die Top Ten der beliebtesten gewerblich-technischen Berufe der Frauen sind Friseur/-in, Augenoptiker/-in, Konditor/-in, Tischler/-in, Zahntechniker/-in, Maler/-in und Lackierer/-in, Kraftfahrzeugmechatroniker/-in, Hörgeräteakustiker/-in und Bäcker/-in.

Doch egal ob Mann oder Frau: Das Handwerk eröffnet jedem vielfältige Berufs- und Karrierechancen. Viele Frauen, die im Handwerk eine Ausbildung machen, übernehmen danach Verantwortung in einem Unternehmen. Im Jahr 2017 haben Frauen etwa jede sechste Meisterprüfung (16,8 Prozent) absolviert und sogar jeder fünfte Handwerksbetrieb (19,4 Prozent) wird von einer Frau geführt.

GEHALT.de: Lohnt sich der Weg in die Selbständigkeit? Was müssen Berufstätige dabei beachten?

Für die meisten geht mit der Gründung oder Übernahme eines Betriebes ein Traum in Erfüllung. Viele Betriebsinhaber haben lange auf dieses Ziel hingearbeitet. Und die vergleichsweise geringe Zahl von Insolvenzen zeigt, dass das Konzept des Handwerks, die Betriebsgründung an eine hochwertige Qualifikation, also den Meisterbrief, zu knüpfen, aufgeht. Doch der Weg dorthin ist nicht leicht. Eine Befragung von Meisterprüfungsabsolventen zeigt, dass folgende Punkte als besonders herausfordernd bei der Unternehmensgründung bzw. -übernahme gelten: geeignete Mitarbeiter zu finden, Startkapital aufzubringen, Liquidität im laufenden Betrieb sicherzustellen sowie Auflagen zum Beispiel von Behörden zu erfüllen. Doch immerhin 17 Prozent der Befragten gaben an, keine Schwierigkeiten bei der Unternehmensgründung zu haben.

GEHALT.de: Gibt es auch nach dem Meistertitel Weiterbildungsmöglichkeiten? Werden diese genutzt bzw. sind sie vielleicht sogar vorgeschrieben?

Der Handwerksmeister ist in ein ganzheitliches, dem akademischen Bereich gleichwertiges Berufslaufbahnkonzept eingebettet: Aufbauend auf einer abgeschlossenen Berufsausbildung können drei Fortbildungsstufen durchlaufen werden. Auf der ersten Fortbildungsstufe nach der Gesellenausbildung kann ein Abschluss als Spezialist erworben werden, zum Beispiel als Kfz-Servicetechniker. Der wichtigste Abschluss auf der zweiten Fortbildungsstufe ist der Meister, der einem Bachelorabschluss der Hochschule gleichwertig ist. Und auf der dritten Fortbildungsstufe kann beispielsweise der Betriebswirt nach der Handwerksordnung draufgesetzt werden; dieser Abschluss ist dem Masterabschluss der Hochschule gleichwertig. Den Betriebswirtabschluss haben 2017 knapp 1.200 Handwerkerinnen und Handwerker erfolgreich absolviert.

Daneben gibt es zahlreiche Fortbildungsregelungen der Handwerkskammern, die auf dem Meister aufsetzen, zum Beispiel eine Fortbildung zum Restaurator/zur Restauratorin im Handwerk oder zum Optometristen / zur Optometristin. Hierbei handelt es sich um gewerkspezifische Angebote, die die Handwerkskammern im Rahmen ihres autonomen Satzungsrechts erlassen.

Und auch der Weg an die Hochschule ist für Meister möglich. In fachlich affinen Studiengängen können sich Meister ihre Qualifikationen sogar studienverkürzend anrechnen lassen.


GEHALT.de: Welche Soft Skills sollten junge Menschen, die sich für das Handwerk als Berufsfeld entscheiden, mitbringen oder sich aneignen?

Das Handwerk bietet all jenen Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten, die motiviert und leistungsstark arbeiten können und bereit sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Wer gerne teamorientiert und kreativ arbeitet, ist im Handwerk genau richtig.

 

Weiterführende Informationen zu dem Thema finden Sie hier

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