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100 Tage Entgelttransparenzgesetz: Auf dem Weg zur Lohngerechtigkeit?

Kategorie: Lohngerechtigkeit & Transparenz
16.04.2018
100 Tage Entgelttransparenz

Eine Umfrage von GEHALT.de in Kooperation mit Compensation Partner

Fühlen Sie sich eigentlich fair bezahlt? Einige Beschäftigte werden hier verneinen, denn der Arbeitsmarkt in Deutschland hat immer noch häufig mit ungleichen Vergütungsstrukturen zu kämpfen. Auch im vergangenen Jahr konnten die Vergütungsexperten von Compensation Partner eine bereinigte Entgeltlücke von 5,2 Prozent zwischen den Gehältern weiblicher und männlicher Beschäftigte ermitteln. Mit dem sogenannten Entgelttransparenzgesetz versucht die Politik dieser Lücke entgegen zu wirken.

Am 16. April 2018 feiert das Gesetz 100-tägiges Bestehen. Aus diesem Anlass haben wir in Kooperation mit der Vergütungsberatung Compensation Partner mit einer Umfrage untersucht, wie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer das Gesetz wahrnehmen. Wird das Gesetz genutzt? Stehen Berufstätige den Maßnahmen der Politik eher skeptisch oder optimistisch gegenüber? Diese und weitere Aspekte haben wir näher beleuchtet.

Doch was hat es mit dem Gesetz überhaupt auf sich? Kurz gesagt: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erhalten das Recht, zu erfahren, wie hoch die Gehälter ihrer Kollegen sind – natürlich anonym. Seit dem 6. Januar 2018 können sie ihr Gehalt mit einer Gruppe von mindestens sechs Beschäftigten in ähnlichen Positionen firmenintern vergleichen lassen. Dies führt in der Regel die Personalabteilung durch. Allerdings findet das Gesetz nur Anwendung in Unternehmen, in denen mindestens 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt sind.

Sind Angestellte generell zufrieden mit ihrem Gehalt?

In der Studie wurde unter anderem untersucht, ob sich die Beschäftigten grundsätzlich fair bezahlt fühlen – dies haben 52 Prozent der Frauen und 65 Prozent der Männer bejaht. Laut Compensation Partner ist dies nicht verwunderlich: In Deutschland stagnieren die Gehälter in den unteren und mittleren Einkommensklassen zwar, doch die Löhne für Fachkräfte befinden sich insgesamt in einem positiven Trend. Mehr zu dem Gehaltswachstum für 2018 finden Sie in der Gehaltsprognose 2018 von Compensation Partner.

Unter den Befragten, die ihre Bezahlung als unfair empfinden, gaben über die Hälfte (56 Prozent) an, dass viele Kollegen mit einem ähnlichen Job mehr Gehalt bekämen. Außerdem ließen uns rund 30 Prozent wissen, dass sie seit Jahren keine Lohnerhöhung mehr von ihrem Arbeitgeber erhalten hätten.

Wie bekannt ist das Gesetz?

Doch sind sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer überhaupt darüber im Klaren, welche Rechte ihnen seit dem 6. Januar zustehen? Ganz offensichtlich, denn obwohl das Gesetz relativ jung ist, haben bereits rund 60 Prozent der Befragten zumindest davon gehört. 58 Prozent wussten sogar um den genauen Inhalt des Gesetzes.

Auch auf der Arbeitgeberseite sind die meisten (97 Prozent) informiert – was jedoch kaum verwunderlich ist, da mit dem Gesetz in erster Linie Unternehmen in die Pflicht genommen werden. Dies geht aus einer Studie hervor, die Compensation Partner unter 319 Unternehmensvertretern durchgeführt hat.

Jeder Dritte will einen Antrag stellen

Circa 100 Tage nach Inkrafttreten des Gesetzes haben zwei Prozent der Befragten ein individuelles Auskunftsersuchen gestellt. Die ernüchternde Bilanz: 86 Prozent davon waren unzufrieden mit dem Ergebnis. Allerdings antworteten auf die Frage, ob sie von ihrem neuen Recht zukünftig Gebrauch machen oder es sich perspektivisch vorstellen können, 33 Prozent mit „Ja“. Fast 40 Prozent der Befragten waren sich jedoch unsicher und weitere 28 Prozent waren an einem Antrag nicht interessiert.

Unter den Beschäftigten, die ihr neues Recht nicht beanspruchen wollen, gaben 30 Prozent als Grund an, das Gehalt ihrer Kollegen bereits zu kennen. Für 12 Prozent der Befragten stellt der bürokratische Aufwand eine zu große Hürde dar und weiteren 14 Prozent fehlt ganz einfach das Interesse an den Gehältern ihrer Kolleginnen und Kollegen.

100 Tage Entgelttransparenzgesetz

Hilft das Gesetz überhaupt, die Entgeltlücke zu verringern?

Aber erfüllt das Gesetz überhaupt seinen Zweck? Lediglich 24 Prozent der befragten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer glauben daran, dass das Entgelttransparenzgesetz dabei helfen wird, die Entgeltlücke zwischen Männern und Frauen zu verringern. Fast 40 Prozent erwarten nicht, dass sich durch das politische Einschreiten etwas ändern wird. Die Arbeitgeber sind laut Compensation Partner weitaus pessimistischer: Mit über 73 Prozent der Stimmen bezweifeln die meisten Unternehmensvertreter, dass das Entgelttransparenzgesetz die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen signifikant reduzieren wird.

Laut Meinungen der Arbeitgeber liegt die größte Problematik darin, dass im Falle einer unfairen Bezahlung keine rechtlichen Konsequenzen gezogen werden. 27 Prozent glauben außerdem, dass Arbeitnehmer zögern werden, eine Gehaltsauskunft einzufordern. Dies deckt sich größtenteils mit den Studienergebnissen aus Arbeitnehmersicht – fast ein Viertel der Befragten gab an, das Gesetz aus Angst nicht in Anspruch zu nehmen.

Wie kommt das Gesetz bei Arbeitnehmerinnen an?

Ziel des Gesetzes ist die Reduzierung der Entgeltlücke – daher ist die Gehaltsauskunft in erster Linie für weibliche Angestellte entwickelt worden. Und tatsächlich will die Mehrheit der weiblichen Beschäftigten Gebrauch davon machen. Lediglich 24 Prozent der Teilnehmerinnen gaben an, dass sie keine Gehaltsauskunft einfordern werden. Grund hierfür war überwiegend die Angst – denn viele fürchten sich davor, ihr Handeln vor Kollegen oder der Geschäftsführung erklären zu müssen.

Hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung des Gesetzes zeigten sich Arbeitnehmerinnen überwiegend skeptisch: Nur 26 Prozent sind von der Wirksamkeit der Gehaltsauskunft überzeugt. Bemängelt wurden hier die fehlenden rechtlichen Konsequenzen für Arbeitgeber. Hinzu kommt der Aspekt, dass das Gesetz bei Firmen unter 200 Mitarbeitern nicht greift – denn besonders diese Unternehmen seien anfällig für eine hohe Entgeltlücke.

100 Tage Entgelttransparenzgesetz

Wird das Gesetz Erfolg haben?

Fest steht: Es ist eine Mehrarbeit, die auf die betroffenen Personalabteilungen zukommt, vor allem bei großen Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern. Da sich Beschäftigte bereits untereinander über Gehälter austauschen, ist proaktives Handeln des Arbeitgebers wichtig – denn das Gesetz ermöglicht nun einen offiziellen Austausch zum Thema Bezahlung. Die Auseinandersetzung mit gerechten Vergütungsstrukturen kann auf Arbeitgeberseite auch als Marketing-Maßnahme genutzt werden. Wenn sich Unternehmen damit beschäftigen und dies nach außen kommunizieren, kann dies durchaus einen Marktvorteil bedeuten, vor allem bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Letztendlich soll das Gesetz für mehr Transparenz sorgen – für beide Seiten. Mittels des Entgelttransparenzgesetzes sollen Ungerechtigkeiten in der Vergütung klarer dargestellt und so reduziert werden. Dabei ist der zentrale Punkt des Gesetzes nicht die Bestrafung von Arbeitgebern: Betriebe und Unternehmen sollen vielmehr darauf hingewiesen werden, dass Transparenz und Gleichheit in der Bezahlung immer notwendiger werden, um Mitarbeiter halten zu können.

In Zeiten des Fachkräftemangels ist dies wichtiger denn je. Die Zahlen belegen, dass sich Beschäftigte ihrer Rechte bewusst sind und diese auch nutzen wollen. Eine faire Vergütung schafft in erster Linie Vertrauen. Wollen Arbeitgeber dieses aufbauen, muss es mehr Auskunftsersuchen geben. Auf längere Sicht ist es im eigenen Interesse der Unternehmen, den Beschäftigten die Angst davor zu nehmen.

Wer hat an der Umfrage teilgenommen?

An der Umfrage von GEHALT.de haben sich insgesamt 1.800 Teilnehmerinnen und Teilnehmer beteiligt. Der Großteil (mehr als 65 Prozent) war männlich und zwischen 35 und 54 Jahre alt. Zudem kamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 42 verschiedenen Branchen. Am häufigsten vertreten waren Beschäftigte aus der IT- und Metallbranche.

Die vollständigen Ergebnisse unserer Umfrage finden Sie hier

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