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Frauen in systemrelevanten Berufen: überrepräsentiert und unterbezahlt

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Kategorie: Berufe & Gehälter
27.04.2020
Eine Frau in Laborkleidung arbeitet mit einem Mikroskop.

Die Strukturen unseres gesellschaftlichen Lebens werden aktuell größtenteils von Frauen aufrechterhalten. Zu diesem Ergebnis kamen einige Untersuchungen der letzten Wochen, wie beispielsweise die Studie des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung.

Die Verteilung zwischen Frauen und Männern ist jedoch nicht das einzige Ungleichgewicht, welches in diesen Berufen vorherrscht. Auch die Entgeltlücke klafft deutlich zwischen beiden Geschlechtern, diesmal zu Ungunsten der Frauen.

Die Analysten von Gehalt.de haben 22.097 Datensätze betrachtet und die Einkommen, Entgeltlücken und Geschlechterverteilung von ausgewählten systemrelevanten Berufen untersucht. Alle Gehaltsangaben sind Jahresbruttogehälter inklusive Bonuszahlungen und liegen als gerundete Medianwerte vor. Mit Ausnahme der Ober- und Chefärzt*innen wurden nur die Daten von Fachkräften berücksichtigt.

Hinweis: Weiterführende Informationen finden sie in unseren Auswertungen zu den systemrelevanten Berufen und den „Versteckten Helden“ in der Corona-Krise.

Entgeltlücke bei 25 Prozent unter Fachärztinnen und Fachärzten

Der höchste Gehaltsunterschied zwischen Frauen und Männern liegt bei den Fachärzt*innen vor. Hier beziehen männliche Beschäftigte jährlich ein Einkommen von 95.100 Euro, während ihre weiblichen Kolleginnen 74.600 Euro erhalten. Der Unterschied im Gehalt beträgt 25,5 Prozent. Rund 61 Prozent dieser Berufsgruppe in Deutschland sind weiblich.

Der Beruf der Arzthelfer*innen wird nahezu gänzlich von Frauen ausgeführt. Sie machen rund 98 Prozent der Beschäftigten in diesem Beruf aus. Der höchste Wert unter den ausgewerteten Berufsfeldern. Die Gehälter zwischen Frauen und Männern unterscheiden sich hier vergleichsweise minimal; Arzthelfer beziehen 31.400 Euro und Arzthelferinnen rund 31.100 Euro jährlich.

Die Entgeltlücke tendiert dazu, mit steigendem Gehaltsniveau zu wachsen. Das beobachten wir vor allem in Positionen mit Personalverantwortung, in denen Frauen unterrepräsentiert sind.
Dr. Philip Bierbach, Geschäftsführer von Gehalt.de

Weitere Informationen zum Thema: Gender Pay Gap 2020

Beschäftigte in der Krankenpflege sind deutlich häufiger Frauen

Männliche Apotheker verdienen rund 49.700 Euro und sind zu 27 Prozent vertreten. Der Frauenanteil überwiegt somit auch hier und das Jahresgehalt beträgt 45.800 Euro. Die Einkommen der Apothekerinnen sind um 8,2 Prozent geringer als die der Apotheker.  

Doch auch weitere systemkritische Berufe aus der Pflege und medizinischer Vorsorge werden von Frauen dominiert. Ihre Gehälter bleiben jedoch auch hinter denen der männlichen Arbeitskollegen zurück. So verdienen Krankenpflegerinnen jährlich 37.700 Euro und damit 11,6 Prozent weniger als Krankenpfleger (42.200 Euro). Frauen sind hier mit einem Anteil von 80 Prozent vertreten.

Ähnlich sieht es in der Altenpflege aus. Dieser Beruf wird ebenfalls zum größten Teil von Frauen ausgeübt (Anteil: 77 Prozent), hier ist die Entgeltlücke mit 3,5 Prozent vergleichsweise gering. Männliche Altenpfleger beziehen 33.800 Euro und Altenpflegerinnen kommen auf ein Jahresgehalt von 32.600 Euro.

Unsere Corona-Helden sind vor allem eines: Heldinnen. In vielen Branchen und Berufsbildern werden diese Heldinnen schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen.
Dr. Philip Bierbach, Geschäftsführer von Gehalt.de

20 Prozent weniger Gehalt für Einzelhandelskauffrauen

Auch bei unserem Gang durch die Supermärkte begegnen uns größtenteils Frauen. Unter dem Beruf der Kassier*innen gibt es einen Frauenanteil von 88 Prozent. Kassiererinnen erhalten 27.200 Euro und damit 7,1 Prozent weniger als Kassierer (29.200 Euro). In der Lebensmittelbranche machen Frauen ebenfalls den größten Teil der Einzelhandelskaufleute aus. In diesem Beruf beträgt der weibliche Anteil 77 Prozent bei einem Jahresgehalt von 27.100 Euro. Einzelhandelskaufmänner beziehen 32.700 Euro und somit fast 20 Prozent mehr.

Das Geschlechterverhältnis ist unter Erzieher*innen ähnlich. Auch hier sind weibliche Erziehrinnen häufiger vertreten als männliche (76 Prozent). Die Gehälter unterscheiden sich um 5,8 Prozent zugunsten der Männer; Erzieher verdienen jährlich 37.900 Euro und Erzieherinnen 35.800 Euro.

Das Geschlechter-Verhältnis ist im Beruf „Online-Redakteur*in“ relativ ausgewogen. Frauen sind hier mit 56 Prozent leicht in der Überzahl und verdienen 41.000 Euro.  Das Einkommen der Männer ist um 14,3 Prozent höher und liegt bei 47.300 Euro.

Corona führt uns die Ungleichheit vor Augen – in Zukunft muss sich die aktuelle Wertschätzung dringend in mehr Gleichberechtigung äußern. 
Dr. Philip Bierbach, Geschäftsführer von Gehalt.de

Beruf Q1 Median  Q3 Anteil der Frauen in Beruf Lohnlücke (gemessen am Median)
 Altenpfleger*in 29.320 € 32.932 € 37.674 € 77,1% -3.5 %
 Frauen 28.929 € 32.633 € 37.387 €    
 Männer 30.450 € 33.778 € 38.839 €    
 Gesundheits- und
 Krankenpfleger*in
33.181 € 38.554 € 45.076 € 80,1% -11,6%
 Frauen 32.598 € 37.695 € 44.030 €    
 Männer 36.337 € 42.153 € 48.623 €    
 Kassierer*in 23.052 € 27.318 € 33.187 € 87,5% -7,1%
 Frauen 23.041 € 27.225 € 32.597 €    
 Männer 23.263 € 29.156 € 35.998 €    
 Einzelhandelskaufmann*frau
 (in der Lebensmittelbranche)
24.097 € 28.126 € 33.554 € 76,8% -19,8%
 Frauen 23.709 € 27.128 € 31.826 €    
 Männer 26.787 € 32.706 € 38.874 €    
 Erzieher*in 31.999 € 36.325 € 41.883 € 76, 4 % -5,8%
 Frauen 31.481 € 35.819 € 41.056 €    
 Männer 33.092 € 37.916 € 43.972 €    
 Apotheker*in 32.213 € 47.613 € 58.373 € 73,4% -8,2%
 Frauen 29.473 € 45.813 € 57.063 €    
 Männer 40.603 € 49.738 € 62.066 €    
 Arzthelfer*in 26.730 € 31.030 € 36.773 € 97,8% -1,2%
 Frauen 26.721 € 31.019 € 36.731 €    
 Männer 27.005 € 31.393 € 40.596 €    
 Facharzt*ärztin 65.575 € 80.378 € 98.607 € 61,4% -25,5%
 Frauen 59.443 € 74.606 € 87.578 €    
 Männer 78.704 € 95.148 € 121.083 €    
 Online-Redakteur*in 36.000 € 43.590 € 55.385 € 56,1% -14.3%
 Frauen 33.903 € 41.080 € 51.286 €    
 Männer 39.352 € 47.296 € 62.059 €    

Unfaire Vergütung: Was tun?

Wie können Beschäftigte vorgehen, wenn sie sich hinsichtlich ihres Geschlechtes ungleich vergütet fühlen? Zu diesem Zweck haben wir ein Interview mit Henrike von Platen geführt. Sie gründete das Fair Pay Innovation Lab, welches Beschäftigte hinsichtlich fairer Bezahlung unterstützt. Sie hat folgende Tipps:

  • Erstens: Über Geld sprechen, so oft wie möglich! Transparenz ist der erste und wichtigste Schritt zu fairer Bezahlung.
     
  • Zweitens: Sich informieren. Auf Portalen wie Gehalt.de, Lohnspiegel, Entgeltatlas, Glassdoor oder kununu lässt sich ganz einfach herausfinden, wie hoch die Gehälter in bestimmten Branchen oder auch in einzelnen Unternehmen üblicherweise sind.
     
  • Drittens: Nachfragen. Ich rate dazu, das Gespräch mit Vorgesetzten oder der Personalabteilung zu suchen. Und zwar ohne sich gleich im ersten Schritt zu beschweren. Besser ist es, erst einmal ganz konkret nachzufragen: Weshalb bekomme ich eigentlich, was ich bekomme? Nach welchen Kriterien setzt sich mein Gehalt zusammen? Was müsste ich tun, wenn ich mehr verdienen möchte? Diese Fragen sollte jedes Unternehmen beantworten können.
     
  • Und dann gibt es natürlich auch den Auskunftsanspruch nach dem Entgelttransparenzgesetz. Je öfter der Anspruch genutzt wird, desto mehr müssen Unternehmen sich aktiv mit ihren Entgeltstrukturen auseinandersetzen – und über Geld sprechen!

Hier finden sie das komplette Interview mit Henrike von Platen.

 

 

 

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